Franzobel textet …

Ein neuer Text von Franzobel:
Vorfreude auf den Umzug

Nun ist es bald soweit. Der General hat befohlen und schon werden die Kräfte gebündelt, Pakete geschnürt und alles, was Radio ist, zieht mit Mikro und Aufnahmerecorder vom alten Funkhaus in der Argentinierstraße auf den hochmodernen, schmucken Küniglberg, wo man dem Funk eine moderne Trutzburg aus Betonplatten errichtet hat, einen küniglichen Palast. Es wurde ja auch höchste Eisenbahn. Das alte Funkhaus, nur unweit der barocken Karlskirche gelegen, ist viel zu zentral, um einen abhängigen Journalismus zu garantieren. Da kommt es vor, dass Reporter zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren und so mit der Bevölkerung in Kontakt kommen, mit Meinungen kontaminiert werden. Außerdem weiß man trotz der modernen Großraumbüros, die man in den letzten Jahren hinein gesprengt hat, nicht recht, wie viele Journalisten sich noch in irgendwelchen Kämmerchen versteckt halten, und von dort aus ihre subversiven, troglodytischen Beiträge in die Welt hinaus senden.
Da ist der Küniglberg doch eine gute Lösung. Gut, böse Zungen behaupten zwar, der Teich vor dem Gebäude sei so seicht wie das TV-Programm und das Gebäude selbst so unübersichtlich, dass man fürchten müsse, Mitarbeiter würden sich am Weg zur Kantine verlaufen und verhungern, aber dafür hat man dann alle unter einem Dach, was es endlich ermöglicht, die eigenen Produkte entsprechend zu würdigen und anzukündigen und zu erwähnen und einzubetten – selbstverständlich unauffällig. Da können dann die Dancingstars gleich auch im Mittagsjournal auftreten, ist es möglich den neuen Tatort-Kommissar zum Vormittagskonzert zu befragen, dürfen die Vorstadtweiber die Nachrichten verlesen und die Staatskünstler geben den Radiodoktor. Wenn ein Fernsehmensch seine Lebenserinnerungen schreibt, kann er gleich die Büchersendung ex libris gestalten. Außerdem wird es möglich, aktuelle Fernsehstars nicht nur zu Stöckl, Karlich, Russwurm, Willkommen Österreich, Frühlingszeit, Sport am Sonntag und in die Promimillionenshow einzuladen, sondern auch noch in sämtliche Radioformate. So etwas spart Geld, bringt Quote und kommt somit dem vielzitierten, über Gebühr strapazierten GIS-Zahler zugute.
Ist das ungebührlich? Nein, es ist herrlich! Natürlich sehen das nicht alle so, aber ein paar notorische Nörgler gibt es schließlich immer. Die beschweren sich über so lächerliche Dinge wie den weiten Weg hinauf zum Küniglberg, oder sie sehen im Funkhaus in der Argentinierstraße plötzlich ein schützenswertes Kulturgut. Dabei hat das Gebäude so viel Charme wie das Zentralbüro der Komsomolzen in Nishni Novgorod. Ein reiner Zweckbaum, in dem man sich wohlfühlt. Aber soll man sich denn an seinem Arbeitsplatz wohlfühlen? Da bietet doch ein sachlicher, als Parkgarage getarnter Betonbau mit Aspestisolierung eine weitaus aufreibendere Umgebung.
Und was den angeblich so langen Weg betrifft, so ist ohnehin längst eine Art olympisches Dorf für alle Mitarbeiter geplant. Stellen Sie sich vor, Beverly Hills für den österreichischen Rundfunk. Gut, Palmen werden in Hietzing keine wachsen, aber man kann große Lettern auf den Berg stellen: ORF! Außerdem ist an einen Walk of Fame gedacht mit allen Stars: Armin Assinger, Harry Prünster, Grissemann und Stermann, Armin Wolf. Und was das Beste daran ist, im Orf-Dorf werden dann einfach Kameras montiert und schon hat man für den noch zu gründenden ORF 4 eine Art Big Brother. Na, ist das etwa nichts? Wir freuen uns und jubeln.

 

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